Interview


Herr Böss-Ostendorf, Herr Senft, die „Einführung in die Hochschullehre“ geht im Frühjahr 2014 in die zweite Auflage und der Lern- und Prüfungscoach „Alles wird gut“ ist im Januar 2014 neu erschienen. Welche Verbindungen sehen Sie zwischen diesen beiden Büchern?

Lehren und Lernen sind wie die zwei Seiten ein und derselben Medaille: Dozenten und Dozentinnen lehren nur, wenn jemand gleichzeitig auch lernt. Und für die Studierenden hängt sehr viel davon ab, ob ihre Dozenten und Dozentinnen ihre Lernprozesse begleiten und ihnen die entsprechenden Einstiegshilfen in die Themen geben. Lehren und Lernen sind also Tätigkeiten, die sehr eng aufeinander bezogen sind. Nachdem wir über zehn Jahre Studierende im Prüfungscoaching begleitet und einen ersten Prüfungsratgeber dazu geschrieben hatten, sprach uns Barbara Budrich mit einer neuen Idee an: Wenn Ihr Euch so intensiv mit dem Lernen im Studium beschäftigt habt, schreibt doch auch ein „Lernbuch“ für Dozenten, das ihnen eine didaktische Orientierung für ihre Lehre geben kann. Aus diesem Impuls ist die „Einführung in die Hochschullehre“ entstanden, eine Hochschuldidaktik, die sich aus dem Lernen der Studierenden ergibt.

Warum haben Sie sich damals für Ihr Thema entschieden? Was motiviert Sie an dem Thema Hochschuldidaktik ganz besonders?

Unsere ersten Erfahrungen mit dem Bereich Lehren und Lernen haben wir im Kontext von Prüfungscoaching gesammelt. In den neunziger Jahren gab es kaum Beratungsangebote für Studierende, die nicht rein störungsbezogen (z.B. Psychologische Beratungsstellen) oder fächerbezogen (z.B. Studienberatungen) waren. In der Begleitung von Studierenden haben wir dann gelernt, dass Studierende neben ihren Fachkenntnissen vor allem auch die Fähigkeiten zur Selbstorganisation entwickeln müssen. Und das bedeutet, dass sie sich in einem hochkomplexen und meist schmerzhaften Prozess in einem völlig neuen Umfeld (Hochschule) mit für sie neuen Regeln zu behaupten haben. Und dann geht es natürlich neben dem Ausbau und der Stabilisierung des eigenen Lebens (Gelderwerb, Sport, soziale Kontakte) um das große Thema „Lernen“. Auf diesen genannten Gebieten gab es so gut wie gar keine Beratungsangebote. Und es fehlte an guter Fachliteratur dazu. Also haben wir viel Zeit in die Begleitung von Studierenden durch ihre letzte Studienphase gesteckt – und die Studierenden auch durch ihre Prüfungen begleitet. Aus diesen Erfahrungen haben wir dann ein Buch gemacht. Wir haben damals (wieder) festgestellt, wie vielfältig und spannend studentische Lebenswelten sind. Und was für Allrounder Studierende sein müssen, um einen Abschluss zu erwerben. Das Wechselspiel dieser vielen Themen und Fragen war (und ist) für uns sehr spannend.

Wenn Sie die Situation der Lehre an den Hochschulen betrachten, welche Entwicklungen sehen Sie und welche wünschen Sie sich?

Wir wünschen uns, dass Lehren und Lernen zukünftig auch in der Praxis noch stärker aufeinander bezogen wird. Dass Hochschullehrende zu Lernexperten werden, die ihre Studierenden unterstützen können, mit dem Lernstoff fertig zu werden. Und wir wünschen uns Studierende, die einen hochschuldidaktischen Sensus entwickeln und den Mut aufbringen, ihren Lehrern zu sagen, was bei ihnen ankommt und was an ihrer Lehre unbrauchbar ist. Insgesamt sehen wir die Zukunft der Hochschullehre in den modularisierten Studiengängen eher skeptisch. Die Belastungen für Studierende und Lehrende sind gestiegen. Kreativität, die Beteiligung der Studierenden, die Integrationsfähigkeit und die Bereitschaft, von ausländischen Studierenden zu lernen, haben an den Fachbereichen eher abgenommen. Das alles geht auf Kosten der Motivation und der Freude am Lehren, Lernen und Forschen. Unsere Bücher für Dozenten und Studierende werden in vielen Fällen Überlebensratgeber sein müssen. Aber auch als solche funktionieren sie.

Welches Buch hat Sie im Zusammenhang Ihres Themas persönlich am meisten geprägt?

Das ist schwer zu sagen. In besonderer Erinnerung sind uns aber zwei Titel geblieben, die gut zu Ihrer Eingangsfrage passen: Umberto Eco: „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“ und „Der Name der Rose“. Eco war Semiotikprofessor in Bologna. Semiotik, die Lehre von den Zeichen, ist ein recht theorielastiges Fach, das viel mit Sprachphilosophie und Linguistik zu tun hat. Als sein Bestseller „Der Name der Rose“ heraus kam, wurde Eco in einem Interview einmal gefragt, wie ein Professor auf die Idee kommt, einen Roman zu schreiben. Er antwortete sinngemäß, dass er es leid hatte, in der Zeichenlehre nie richtig verstanden zu werden, deshalb schrieb er einen Roman, in dem er den Menschen die Grundlagen seines Faches näher bringen wollte. Und tatsächlich lernt der Leser in „Der Name der Rose“ anhand von Zeichen, den Kriminalfall zu deuten und aufzuklären. Ein zweiter Bestseller von Umberto Eco ist das UTB-Bändchen „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“. Auch dies ist ein typischer Eco, wenn auch auf eine andere Art: Es gelingt ihm, interessant zu schreiben, weil er den Leser im Blick hat. Eco könnte damit ein Vorbild für alle Hochschullehrenden sein: Überlege Dir nicht nur, was Du sagst, sondern vor allem, wie das, was Du sagen willst, interessant für Deine Zuhörer wird.